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Friedel Schmidt

Wischi und Waschi

Auf einer Insel, nicht weit weg vom Land entfernt, wohnen Wischi und Waschi. Und weil es hier Heuschrecken, Schnecken, Spinnen,Würmer, Bienen, Fliegen, Käfer, Krebse, Muscheln, Nüsse, Kastanien, Früchte, Wurzelgemüse und dicke rote Beeren gibt, werden sie immer satt.
Alles, was Wische essen will, wischt er vorher ab. Darum heißt er Wischi. Dann gibt er es an Waschi weiter. Der wäscht es ab. Darum heißt er Waschi. Wenn sie alles abgewischt und und abgewaschen haben, futtern sie, dass es nur so staubt. Dann sind Waschbären müde und schlafen ein Stündchen. So ist das bei Waschbären.

Und so könnte das weitergehen bis nächstes Jahr Weihnachten oder noch weiter. Beide könnten sich bärenwohl fühlen. Aber da ist ein Haken: Wischi will nie allein sein, und Waschi auch mal seine Ruhe haben. Sagt Waschi: "Ich gehe Fliegen fangen", sagt Wischi: "Ich gehe mit." Sagt Waschi: Ich mache mir jetzt einen Spinnen-Schnecken-Käfersalat", sagt Wischi: "Ich mache mir auch einen Spinnen-Schnecken-Käfersalat." So ist das immer. Wischi will nicht alleine essen, Wischi will nicht alleine spielen, Wischi will nicht alleine ins Bett und nicht allein einschlafen. Waschi klettert auf einen Baum und macht einen Kopfsprung. Wer flitzt auf den Baum und plumst hinterher? Wischi.

"Kann ich nicht mal fünf Minuten allein sein?" knurrt Waschi.
"Du ja, aber ich nicht. Fünf Minuten, wie lange ist das?"
"Ich will meine Ruhe haben", schimpft Waschi. "Ich gehe weg und kommt nie wieder."
"Dann gehe ich mit Dir weg und komme auch nie wieder", murrt Wischi.
"Nein, ich gehe allein."
Wischi hat Angst. Er will nicht allein sein. Er ist ganz lieb, und er macht alles, was Waschi will.
Und weil Waschi es gern hat, wenn Wischi lieb ist und alles macht, was er will, sagt er oft zu Wischi: "Di wirst sehen: Ich gehe weg und komme nie wieder."
Dann krault Wischi Waschi stundenlang hinter den Ohren, bringt ihm zu futtern und kämmt ihm die Haare. Nur allein will Wischi nicht sein.
Und das würde so weitergehen bis nächstes Jahr Weihnachten oder noch weiter, wenn nicht dieses fürchterliche Gewitter gekommen wäre; Es Blitzt und sonnert und gießt wie aus Feuerwehrschlächen. auf dem See sind hohe Wellen.
Plötzlich kommt eine riesige Welle, und "schwupp" spült sie Waschi weg vom Strand. Er strampelt, rudert und schlägt wie wild mit den Armen um sich. Er will zur Insel zurück, er will zu Wischi. Aber es geht nicht. die Wellen sind stärker. Sie treiben ihn weg und werfen ihn schließlich aufs Land.
Da liegt er nun wie ein nasser Waschlappen. Er kann nicht aufstehen. Alles tut ihm weh. Vor Müdigkeit schläft er ein und hat endlich seine Ruhe.
Wischi hat die riesige Welle nicht gesehen, die Waschi weggespült hat. Er ruft nach Waschi. Waschi antwortet nicht. Er rennt herum und brüllt lauter. Waschi antwortet nicht. Er heult, schreit und stampft mit den Füßen auf.
Kein Waschi weit und breit.
Wischi ist allein. Er hockt sich auf den Boden, stützt den Kopf auf die Knie und heult und heult. Anfangs ganz laut. Dann immer leiser. Und weil Brüllen keinen Spaß macht, wenn man nicht gehört wird, und Heulen keinen Spaß macht, wenn man nicht getröstet wird, hört er schließlich ganz damit auf.
Er schließt die Augen und will nichts mehr sehen. Er sieht nicht, dass das Gewitter augehört hat. Er sieht nicht die dicken roten Beeren vor seiner Nase. alles ist grau.
Wischi ist allein.
"He!, Warum bist su so traurig?" schnarren zwei Raben, die vorbeigeflattert kommen.
"Ich bin ganz allein", ruft Wischi.
"Stimmt ja nicht. Wir sind noch da", krächzen die Raben.
"Ich bin trotzdem ganz allein", schreit Wischi.
Die Raben schütteln ihre Köpfe und fliegen weiter. Und weil soviel Traurig sein müde macht, schläft Wischi schließlich ein.
Fünf Stunden und fünfundfünfzig Minuten später hat Waschi an Land geschlafen. Dann wird er wach. Er gähnt und reibt sich den Schlaf aus den Augen.
Wischi auf seiner Insel wird auch wieder wach. Er rüttelt und schüttelt sich. Er bewegt Arme und Beine. Er macht drei Kniebeugen und fühlt, ob das Herz noch schlägt. Er blinzelt in die Sonne. Von Waschi keine Spur.
Er sieht zwei Raben am blauen Himmel fliegen und frißt sie sicken roten Berren vor seiner Nase. "Allein sein ist zwar schwer. Aber Hauptsache, ich bin noch am Leben."
Waschi ist auch allein. Kein Wischi weit und breit. Waschi hat seine Ruhe. Aber zuviel ruhe und zuviel Alleinsein machen auch keinen Spaß. Und Hunger hatt er auch. Er geht zum Dorf. will Erdberren aus dem Garten stibitzen.
Da kommt die Bäuerin. Sie läuft hinter ihm her. Waschi rennt um sein Leben. Er springt in den See. Er schwimmt wie ein Weltmeister und erreicht wirklich seine Insel.
Und wer sitzt da am Strand und blinzelt leicht in die Sonne? Wischi! Haben die sich gefreut. Dann haben sie gefuttert, dass es nur so staubt, und ein Stündchen geschlafen. So ist das bei Waschbären, und so geht das auch weiter bis nächstes Jahr Weihnachten und noch weiter.
"Ich gehe Fliegen fangen", sagt Waschi. Wischi sagt nichts.
"Gehst du mir?" fragt Waschi.
"Ich habe keine Lust. Ich kann schon gut allein sein. Fünf Minuten und noch länger. Fast einen ganzen Tag. aber paß bloß auf, dass keine große Welle kommt!"

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